Arbeit, Sitten und Gebräuche im alten Anderten
zuletzt aktualisiert:
17.11.2011
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Die folgenden Ausführungen sind mir von älteren Anderter Einwohnern erzählt worden, die sie z.T. auch schon mündlich überliefert bekamen:
- Früher, wie natürlich auch heute, standen die Bauern mit den Hühnern auf, versorgten ihr Vieh und fuhren dann zur Feldarbeit.
- Die Kartoffeln wurden noch mit der Hand gesetzt und die Rüben bei meist trockenem und heißem Wetter von Hand verzogen und vom Unkraut befreit.
- Während der Erntezeit kam man auch mittags nicht zum Hof zurück, sondern aß im Schatten der Pferdewagen seine Mahlzeiten.
Nach vollbrachter Arbeit geht es zur wohlverdienten Ruhe ins Dorf zurück. Die hier auch abgebildete Anderter Mühle auf dem Kronsberg wurde 1854 erbaut und steht heute noch.- Zudem lagen die Felder vor der Verkoppelung (1845-1864) z.T. recht weit von einander entfernt. Die Feldmark war von vielen Entwässerungsgräben durchzogen, dadurch mußte man Umwege in Kauf nehmen, weil es nicht genug Brücken gab.
- Bei Arbeiten im sumpfigen Gelände oder zum Torfstechen bekamen die Pferde sogenannte Moorschuhe unter die Hufe gebunden, um damit das Einsinken der Pferde in den morastigen Boden zu verhindern.
- Nach dem Melken der Kühe wurde die Milch in große Schüsseln abgefüllt. Drei dieser Schüsseln wurden — mit einem Brett als Zwischenauflage — übereinandergestellt. Morgens wurde der „Flott" abgeschöpft, der dann gebuttert wurde.
- Sehr gut soll die „dicke Milch" geschmeckt haben; man ließ die unbehandelte Kuhmilch in Schüsseln so lange stehen, bis sie in etwa die Konsistenz von Quark bekam. In diese „dicke Milch" bröselte man dann Brotstückchen oder gab — je nach Geschmacksrichtung — nur etwas Zucker dazu; dieses ergab dann eine schmackhafte und gesunde Mahlzeit. Besonders bei schwülem Wetter war der Herstellungsprozess zur „dicken Milch" nur sehr kurz. (Mit unserer heutigen pasteurisierten Milch lässt sich „dicke Milch" leider nicht mehr erzeugen).
- Samstags war der fest eingeplante Schuhputztag. Aber nicht nur die Schuhe wurden dann auf Hochglanz gebracht, sondern auch Messer und Gabeln sowie die verrußten Lampenzylinder.
- Werktags, nach vollbrachter Arbeit, gingen die Männer abends noch einmal kurz in die Schusterstube Stöckmann (heute W. Georg, Sehnder Str.) um dort Klönschnack zu halten und um sich die Tagesereignisse zu erzählen.
- Der Januar war die Zeit des Holzfällens. Im Frühjahr wurden die Grabenränder mit der Sense gemäht, das Gras wurde dann an die Ziegenhalter verkauft, um die schmale Kasse etwas aufzubessern.
- Wenn das Gras lang war und kurz vor der Blüte stand, wurde der erste Heuschnitt vorgenommen, beim zweiten oder dritten Schnitt — Grummet genannt — wurde das kürzere und grüne Gras gemäht.
- Die Anderter brannten früher ihr Osterfeuer im „Osterloch" ab, einer Stelle, an der sich heute die Hindenburgschleuse befindet. Eine Legende aus dieser Zeit besagt, dass man während des Abbrennens des Osterfeuers einen Apfel verzehren sollte, um für ein Jahr frei von Zahnschmerzen zu sein.
- Pfingsten war für die Anderter in zweierlei Hinsicht als Datum wichtig:
1. Es war ungeschriebenes Gesetz, dass bis zu diesem Zeitpunkt alle zur Bestellung vorgesehenen Gärten und Felder umgegraben sein sollten.
2. Ritt die bäuerliche Jugend auf sauber geputzten und mit Blumen geschmückten Pferden zum Müllinger Tivoli, um dort in größerer Runde einen fröhlichen Umtrunk zu halten. - Es wurde sehr viel Obst durch Trocknen haltbar gemacht, um auch im Winterhalbjahr in den Genuss der Sommerfrüchte zu kommen.
- Zwetschgenmus wurde in größeren Mengen im Waschkessel hergestellt, während „Stips" — d.h. Zuckerrübensirup — erst ab ca. 1890 gekocht wurde, nachdem Zuckerrüben auch in der Anderter Gemarkung angebaut wurden.
- Meist wurde im November geschlachtet. Damals, so wie heute noch, war es schon alter Brauch, dass Nachbarn und Freunde sich am Schlachtetag Wurst- und Fleischbrühe abholen konnten. Nachdem die Schlachterzeugnisse auf den Wurstboden gebracht worden waren, wurde die Wurstweihe vorgenommen. Dabei dankte man für reibungslosen Verlauf und erhoffte, dass Wurst und Schinken nicht verderben mögen.
- Arbeitsstellen wurden fast ausschließlich zu Martini gewechselt.
- Dem Großknecht fielen etliche Rechte und Pflichten zu. So mußten die Feldarbeiter dann mit dem Essen aufhören, wenn der Großknecht seine Mahlzeit beendet hatte. Feuer entzünden (Feuer pinken) war Aufgabe des Großknechts. Das Feuer in der Herdstelle durfte möglichst nicht ausgehen; es wurde über Tage, manchmal Wochen, mit Holz und Torf in Gang gehalten.
- Andertens Schindanger befand sich nordöstlich der heutigen „Ostergrube"; er war ein umzäuntes und mit einem Graben umgebenes Grundstück, auf dem die an Krankheiten eingegangenen Tiere (Milzbrand bei Schafen, Schweinepest beim Borstenvieh) eingegraben wurden.
Zur Linderung und Heilung von Krankheiten wurde oft der Rat vom Schäfer eingeholt, der in früheren Zeiten Heiler (mit Naturheilmitteln) war. Zudem war der Schäfer als Wahrsager ein gefragter Mann.- Erst ab 1889 praktizierte ein Arzt in Misburg, die verschriebenen Arzneien mußte man sich aber aus einer Apotheke in der Marienstraße (Hannover) holen oder aber durch einen Boten bringen lassen.
- 1905 eröffnete dann endlich eine Apotheke in Misburg, die Wege zur Arzneibeschaffung waren jetzt nicht mehr so weit und beschwerlich.
- 1946 ließ sich der erste Arzt in Anderten nieder. Die erste Apotheke öffnete im Oktober 1963 ihre Pforten.

