Anderten und seine Erdgeschichte
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17.11.2011
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Die Kreidezeit
Zu Beginn der Kreidezeit vor ca. 126 Millionen Jahren – die Urzeit reicht aber noch weitere 4000 Millionen Jahre zurück – war das Anderter Gebiet, wie ganz Mitteleuropa auch, von einem großen flachen Meer überflutet. In diesem Meer lebten neben Algen, Schwämmen, Muscheln, Krebsen und Fischen auch Ammoniten und Belemniten. Die beiden zuletzt genannten Arten der Meeresbewohner, die Ammoniten (Kopffüßer mit spiralförmig eingerollter Schale) und die Belemniten (tintenfischähnliche Kopffüßer) starben gegen Ende der Kreidezeit aus, wie auch die an Land lebenden Riesensaurier.
Fast 40 Millionen Jahre „prägte" das Kreidemeer zu jener Zeit unsere Heimat, bis es durch Erosionen und Bodenhebungen verlandete. Die Erosion – d.h. witterungsbedingte Abtragung von Erd- und Steinmassen durch Wasser, Wind und Temperaturschwankungen – bewirkte in den schier unvorstellbaren Zeiträumen von Jahrmillionen, dass sich der abgetragene Schlamm in Verbindung mit den kalkhaltigen Gehäusen der Meeresbewohner auf dem Meeresboden ablagerte. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass sich in der Anderter Umgebung eine mehrere hundert Meter dicke Kalkmergelschicht befindet, die die Grundlage der heutigen Zementindustrie ist. An anderen Orten in Deutschland, so an der Ostsee, hat sich zu dieser Zeit reine Schreibkreide gebildet, daher auch der Name für die ca. 65 Millionen Jahre andauernde „Kreidezeit".
Im Laufe der riesigen Zeiträume der Kreidezeit bildeten sich auf dem Meeresboden immer neue Schichten mit Ablagerungen der abgestorbenen Tierwelt. Es ist verständlich, dass die unterste, das heißt tiefer gelegene Schicht auch die älteste, und die oberste die jüngste Schicht sein muss. Im Laufe großer Zeitspannen erhärteten die Schlamm- und Sandmassen mit den darin abgestorbenen Tieren und Pflanzen und versteinerten. Gut erhaltene Versteinerungen einiger Tierarten liegen uns heute vor, weil deren Gehäuse widerstandsfähig waren und die nach dem Zersetzen der Weichkörper entstandenen Hohlräume mit Sand und Schlamm ausgefüllt wurden und so dem Druck der später überlagerten Schichten standhalten konnten. Während dieser Zeit geschah es des öfteren, dass einzelne Tierarten ausstarben und neue in Erscheinung traten. Wenn in den einzelnen Schichten eine versteinerte Tierart besonders häufig vorkommt, nennt man diese „Leitfossil".
Es soll noch erwähnt werden, dass neben den schon seit ca. 200 Millionen existierenden Nadelhölzern sich die ersten Blütenpflanzen entwickelten, wie Gräser, Weiden, Pappeln und Eichen.
Das in Gänsefüßchen gesetzte prägte zu Anfang der Ausführung „Anderten und seine Erdgeschichte" soll versinnbildlichen, dass die gefundenen Fossilien fest in Mergel, Ton und Kalk eingedrückt waren und dass diese Versteinerungen über unser heutiges Wissen von Entstehung, Entwicklung und Sein Auskunft geben.
Die Tertiärzeit
Während der nach der Kreidezeit folgenden Tertiärzeit (Braunkohlezeit), die ca. 60 Millionen Jahre andauerte, traten Spannungen in dem Erdmantel ein, die zu Schichtverbiegungen und Faltungen führten. Die vorher waagerecht liegenden Schichten wurden nach ihrer Komprimierung emporgehoben und schräg gestellt, sowie man sie heute in den Brüchen beobachten kann.
Dort, wo sich das Kreidemeer befand, war nunmehr Land entstanden. In jenem Zeitraum, als das erste Land aus den Fluten des Meeres auftauchte, begann auch schon die Erosion. An weniger widerstandsfähigen Schichten hatten die Kräfte der Abtragung und Verwitterung viel leichteres Spiel als an härteren Gesteinslagen. Der weichere Boden wurde zertalt oder abgeschwemmt, der härtere und weniger anfällige blieb als Erhebung stehen und bis zur heutigen Zeit erhalten; der Kronsberg gilt als solches Beispiel.

Die ersten Affen (Hominiden) entwickelten sich während der Tertiärzeit (Braunkohlezeit). In dieser Zeitperiode war auch das Ur- oder Frühpferd anzutreffen. Damals ein Steppentier mit einem vollkommen ausgebildeten Allesfressergebiß. Es war nur ca. 25 bis 45 cm hoch und entzog sich seinen Verfolgern durch Flucht.
Das damals herrschende warme Klima begünstigte die Entwicklung der Säugetiere und Vögel. Eine größere Art des Elefanten lebte in jener Zeit, Mastodonten genannt.
Das Eiszeitalter
Am Ende der Tertiärzeit trat eine Verschlechterung des Klimas ein. Die Niederschlagsmenge nahm von Jahr zu Jahr zu und die durchschnittliche Jahrestemperatur sank in Europa immer tiefer. Der nunmehr zu kurze Sommer reichte nicht mehr aus, die im Winter gefallenen Schneemengen abzutauen. Die im Sommer nicht abgetauten Schneereste wuchsen von Jahr zu Jahr an. Der Schnee wurde durch sein eigenes Gewicht unter den oberen Schichten zu Eis.
Das so entstandene Eis quoll zwar langsam aber stetig als Gletscher wie eine riesige Eisplatte von den Bergen zu Tal. Die in Skandinavien entstandene Eisplatte wurde immer höher und größer, durchquerte die Ost- und Nordsee, begrub als bis dreihundert Meter dickes Eisschild Niedersachsen und wälzte sich bis nach Westfalen vor.
Die Eismassen lösten vom Erdboden viele große Gesteinsbrocken, schoben sie vor sich her, zermahlten sie aber auch durch ihr Gewicht und Bewegung zu immer kleineren Gesteinsstücken.
Die Mehrzahl der Sand- und Kiesvorräte der norddeutschen Tiefebene wie auch der großen Felsen und Findlinge (von unseren Vorfahren auch zu Hünen- und Steingräbern verwandt) sind Gesteine aus Skandinavien. Sie sind mit dem Eis aus dem Norden Europas bis in unsere Gegend transportiert worden. Das Denkmal am Feuerwehrturm ist aus solchen Findlingen gebaut worden, die die Eismassen bei uns hinterlassen haben. Auch der zur 1000-Jahr-Feier Andertens aufgestellte Gedenkstein an der Einmündung „Torgarten" in die „Gollstraße" ist eine Hinterlassenschaft aus der Eiszeit.
Die Zeit, als das Inlandeis Teile von Europa bedeckte, wird Eiszeitalter genannt und begann vor ca. 600 000 Jahren mit der ersten Eiszeit. Von vier in unseren Breitengraden stattgefundenen Eiszeiten war das heutige Anderter Gebiet mindestens zweimal mit Gletschern überdeckt. Während der riesigen Zeitspanne von fast 600 000 Jahren des Eiszeitalters gab es immer wieder Perioden des zeitweiligen Gletscherrückganges durch Klimaerwärmung. In die vom Eise befreiten Gebiete kehrten dann nicht nur Tiere und Pflanzen zurück, auch der nun schon existierende Mensch (Neandertaler), wie Funde von Steinwerkzeugen es belegen. Ca. 118 000 v. Chr., zu Beginn der vierten und bisher letzten Eiszeit, drangen die Gletscher nur bis östlich der Elbe vor. Trotzdem wurden Menschen, Tiere und Pflanzen durch die damit verbundene starke Abkühlung aus unserem heutigen Gebiet verdrängt.
Ca. 14000 v. Chr. begann das Eis der letzten Eiszeit zu tauen. Ca. 12000 v. Chr. war das hiesige Gebiet wieder dauerhaft bewohnbar. Gegenüber dem recht einfachen Bild der ältesten Zeiten zeichneten sich vor rund 30000 Jahren in weiten Bereichen eine deutliche Entfaltung der jägerisch-sammlerischen Kultur des Menschen ab. Die Werkzeuge wurden verfeinert und die Waffentechnik stark verbessert; so konnten auch größere Tiere erlegt werden.
Der Mensch entdeckte nach und nach immer bessere Möglichkeiten, sich in Kältesteppen und kargen Tundren zu behaupten und konnte dadurch neue Erdräume erschließen. In den vorwiegend offenen, streckenweise auch von starkem Baum- und Strauchwuchs durchsetzten Kältesteppen und Tundren lebten u.a. der wollhaarige Eiszeitelefant (Mammut), der dem Menschen große Fleischmengen und Rohstoffe – wie z.B. Elfenbein und Fell – lieferte.
Weiter gab es schon Elch, Hirsch, Ren, Wisent, Pferd, Höhlenlöwe und Bär, die zwecks Nahrungsbeschaffung bejagt wurden.
Die ertragreiche Jagd erlaubte ein längeres Verweilen an einem Ort. Es wurden schon z.T. Behausungen mit Abmessungen bis zu 40 x 12 Meter gefertigt. Sie boten selbst unter harten klimatischen Bedingungen einen ausreichenden Witterungsschutz.
Wichtigstes Wild (auch in weiten Bereichen um Anderten) waren zu dieser Zeit die Rentiere; ihnen folgten die Menschen bei den langen Wanderungen der Herden, im Sommer nach Norden, im Winter nach Süden. Beträchtliche Entfernungen mußten daher zurückgelegt werden. Der damals lebende Mensch hatte sich so auf die Rentierjagd spezialisiert, dass er davon abhängig wurde.
Die Rentierjägerzeit liegt zwischen 12 000 bis 8 000 v.Chr. Die Jäger lebten in transportablen, leicht auf- und abzubauenden Stangenzelten. Die Zeltstangen (je ca. 3-4 Meter lang), wahrscheinlich sogar die Zeltdecken aus Rentierfellen mußten auf den langen Wanderungen in den baumlosen Tundren mitgeführt werden. Sicherlich wird die unstete Lebensweise mit dauerndem Wechsel zwischen Winteraufenthalt in südlicheren Zonen und der sommerlichen Jagd in nördlichen Gebieten eine Vielzahl von Transportproblemen verursacht haben.
Die blühende Jägerkultur der Rentierjägerzeit endet in der Zeit des Überganges vom Eiszeitalter zur so genannten Nacheiszeit (ab etwa 8 000 v. Chr.) – „sogenannt", weil wir heute nicht mit Sicherheit sagen können, ob das Eiszeitalter vorbei ist oder wir heute nur in einer wärmeren Zwischenphase leben.
Die Mittlere Steinzeit
Mit dem Datum 8000 v. Chr. begann nunmehr die Mittelsteinzeit. Für den spezialisierten Jäger hatte die Klimaverbesserung – so paradox es klingen mag – keine Besserung bedeutet. In der Nacheiszeit gelang es nur wenigen Gruppen, sich auf die neue Umwelt mit ihren immer dichter werdenden Wäldern und einer veränderten Tierwelt umzustellen. Nunmehr waren hier Elch, Hirsch, Reh und Hase heimisch. Die zahlreichen Seen (wie damals u.a. auch Seckbruch, Breite Wiese) dienten verschiedenem Flugwild (Enten, Gänse u.s.w.) als Lebensraum.
Der Mensch führte aber immer noch ein Nomadenleben; er ernährte sich hauptsächlich von der Jagd, sein Speiseplan wurde durch den nach und nach stärkeren Verzehr von Beeren und Früchten erweitert.
Als Kleidung dienten ihm Tierfelle. Als bedeutende Erfindung galt um 4 800 v. Chr. die Herstellung von Gefäßen aus Ton. Dadurch wurde die Bevorratung von Lebensmitteln wesentlich erleichtert.
Die Jüngere Steinzeit
In der dann folgenden jüngeren Steinzeit (4000-1750 v. Chr.) war der Mensch in unseren Breitengraden seßhaft geworden. Er baute feste Häuser und Stallungen aus Holz, betrieb Ackerbau und Viehzucht.
Eiche, Linde, Ulme und Birke bildeten riesige Wälder. Die Feucht- und Seengebiete waren mit Schilf, Erle und Weide bewachsen. Die Bewaldung unterlag zwar gewissen Veränderungen infolge Klimaschwankungen, die große Lichtung der Wälder aber wurde im wesentlichen erst nach und nach vom Menschen verursacht. Erst durch die Rodung für den Ackerbau, den Einschlag für Bau- und Brennholz wurde der Wald allmählich so zerstört, dass der Grundwasserspiegel gesenkt und der Boden immer stärker der Erosion ausgesetzt wurde.
Auf den jetzt noch kleinen Feldern wurden Hirse, Gerste und Flachs angebaut. In den Stallungen wurden Hühner, Gänse, Schweine und Rinder gehalten. Durch Werkzeugfunde aus dieser Zeit ist erwiesen, dass das Anderter Gebiet schon damals besiedelt war.
Inzwischen verstand der Mensch es, sich mit Hilfe des Webstuhles aus Wolle und Flachs Gewebe herzustellen, aus dem anschließend Kleidungsstücke gefertigt wurden. Die Tongefäße wurden verfeinert, die Inneneinrichtung der Häuser wohnlicher gestaltet.
Die Bronzezeit
In der Bronzezeit (1750-750v.Chr.) gab es an Getreide neben Hirse, Gerste, Emmer – einer Spelzweizenart – auch Hafer. Der Boden wurde mühsam mit einem Holzpflug bearbeitet. Die Kleidungsstücke wurden funktionsgerechter und mit viel Liebe bis ins Detail angefertigt. Mit der Erfindung aus 15% Zinn und 85% Kupfer Bronze im Schmelzverfahren herzustellen, begann das Metallzeitalter.
Das Bild zeigt Bronzegegenstände, die in der Anderter Umgebung gefunden wurden.
Die Eisenzeit
Von 750 v. Chr. bis zum Jahre 1000 n. Chr. wird die Eisenzeit eingeordnet und deshalb so genannt, weil der Mensch es nun verstand, aus Raseneisenstein Eisen zu gewinnen. Raseneisenstein als Rohmaterial zur Eisengewinnung und Holz als Brennmaterial zum Schmelzen gab es in näherer Umgebung Andertens in reichlichem Maße.Mit Sicherheit war das Anderter Gebiet zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert nach Chr. besiedelt, wie Ausgrabungen es bewiesen haben. Denn als im Herbst 1919 mit dem Bau der Anderter Schleuse begonnen wurde, stieß man auf ein Gräberfeld, das bei seiner Entdeckung schon 1 250 Jahre alt war.
Das Reitergrab aus dem Anderter Gräberfeld ist besonders bekannt geworden. Das Gräberfeld enthielt 108 menschliche und vier Pferdeskelette von Hengsten. Bei der genauen Untersuchung der Tierskelette wurde festgestellt, dass es sich um die bisher ältesten bekannten Kaltblüter handelte.
Dass das Anderter Gebiet schon vor mehr als 1300 Jahren besiedelt war und sich vor mehr als 150000 Jahren hier Menschen aufgehalten hatten, wie Funde von Faustkeilen und Klingen aus Feuerstein belegen, verwundert nicht. Die Ansiedlungsmöglichkeiten waren hier geradezu ideal. Auf dem damals bewaldeten über 100 Meter hohen Kronsberg wurden Lichtungen geschlagen, der Boden für den Ackerbau urbar gemacht. Dort war der Erdboden nicht so sumpfig wie das nach Westen und Osten gelegene Gebiet.
Ein eventueller Feind griff die Siedlung auch nicht von der sumpfigen Seite aus an; so war der Ort leicht zu verteidigen. Viele Quellen, die z.T. warmes Wasser lieferten, so dass auch im kältesten Winter die Wasserläufe nicht zufroren, entsprangen in und um Anderten. Ein zusammenhängendes Waldgebiet zwischen Anderten und Braunschweig war vorhanden, die beste Voraussetzung also zur erfolgreichen Jagd auf Wild und Beschaffung von Bau- und Brennholz.

